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Die Wirkweise von Yoga – Āsana, Prānāyāma und Meditation

Eine Betrachtung von birthlover Ausbilderin Siri Klug.

Yoga als Gesamtkonzept

Yoga ist ein Gesamtkonzept, das seine Basis im eigenen Üben hat. Dabei gibt es drei zentrale Übungsbereiche: Den Körper, den Atem und den Geist. In der Regel besteht jede Yogapraxis aus einer Sequenz verschiedener Übungen. Keine Übung steht für sich allein. Das gilt für die āsana-Praxis, das Üben mit dem Atem und für die Ausrichtung des Geistes. „Wir sind nicht nur Körper, nicht nur Atem, nicht nur Geist. Wir sind ein Ganzes, in dem diese drei miteinander in einer lebendigen Verbindung stehen.“ (Imogen Dalmann, Martin, Soder, Warum Yoga – Über Praxis, Konzepte und Hintergründe, Viveka Verlag, 5. Auflage, 2009, Seite 42)

vinyāsa krama - in passenden Schritten üben

In der breiten Öffentlichkeit wird heute āsana-Praxis als ein Mittel wahrgenommen, welches das körperliche Wohlbefinden und die Gesundheit fördert. Auch die Krankenkassen sehen die Yogapraxis als anerkannte Methode in ihrem Maßnahmenkatalog rund um die Prävention. Aber ohne Üben gibt es keine Yogawirkung und Üben braucht ein Konzept. Denn āsanas können sich gegenseitig verstärken, ergänzen, aber auch behindern und somit zu muskulären Dysbalancen führen. Soll eine Praxis nachhaltig und gesund gestaltet sein, muss sie in einer bestimmten Weise aufgebaut werden. Ein solches Verständnis von Yogapraxis folgt einem alten Konzept, das unter dem Begriff „vinyāsa krama“ bekannt ist. Es meint wörtlich übersetzt: „Die besondere (= vi) Anordnung (= nāsa) von Übungen in sinnvollen Schritten (krama).

Viniyoga - die Kunst Yogapraxis individuell anzupassen

 Die Abfolge von āsana ist nicht beliebig! Und mehr noch: Nicht jede Übung, die einer Person möglich ist, erweist sich für sie auch als sinnvoll und gesund. „Übergroße Beweglichkeit ist oftmals ebenso ein Anlass, Variationen vorzuschlagen, wie große Steifigkeit.“1 Und natürlich verlangt jedes Auftreten von Schmerz ein Abrechen und Verändern der entsprechenden Übung. Auch wenn dies selbstverständlich klingen mag, von Yogalehrenden verlangt dies viel Wissen um die unterschiedlichen Anforderungen und Risiken im Üben von āsanas. Das kompetente Anpassen der Übungen und Konzepte des Yoga an einen Menschen wird im Yoga selbst durch ein Wort beschrieben: Viniyoga.2

Prānāyāma - die Rolle des Atem

Prānāyāma bietet viele verschiedene Möglichkeiten und Konzepte, sich ausschließlich auf den Atem und die Atemregulierung auszurichten. Prānāyāma übt man in der Regel in einfachen Körperhaltungen wie dem aufrechten Sitzen ofrt im Liegen am Boden. Im Yogasūtra 2.50 beschreibt Patañjali wie unsere Atemqualität sein soll3: dīrgha sūkṣma – fein, gleichmäßig und lang. Dies entspricht nicht unbedingt unserem Alltagsatem, der eher flach und oftmals hektisch ist. Ziel der Atemqualität von dīrgha sūkṣma ist: mehr Gesundheit, bessere Körper- wahrnehmung, Selbstwirksamkeit und innere Harmonie. Prānāyāma ist dabei eng mit dem vegetativen Körpersystem verknüpft, das nahezu alle Körperfunktionen beeinflusst – wie Blutdruck, Immunabwehr, Stressverarbeitung, Verdauungsprozesse oder mentale Leistungsfähigkeit. Der Einfluss unserer Gefühle auf unseren Atem sind uns allen aus Erfahrung gut bekannt: Emotionen wie Ärger, Traurigkeit, Freude und all die aufreibenden Gefühle haben eine enge Verbindung mit unserem Atem. Die Verbindung unseres Atems zu unseren Emotionen und zu unserer inneren Welt der Psyche ist also ein wichtiger Teil der Yogaarbeit mit prānāyāma. Prānāyāma hat zudem Einfluss auf andere Körpersysteme wie das Kreislaufsystem, das hormonelle System sowie auf das System der Schmerzempfindung und -weiterleitung. Wie nun der Weg zu einem langen und feinen Atem aussieht, erläutert Patañjali im YS 2.50:((a.a.O. Seite 92)) Zuerst soll das Ausatmen bewusst vollzogen und dann verfeinert werden. Wenn die Ausatmung lang ist, kann mit dem Verändern der Einatmung begonnen werden. Sind Aus- und Einatmung gleichermaßen regelmäßig und fein, kann Atemhalt und -verhältnis geübt werden. Neben all seinen positiven Wirkungen haben die vielfältigen Atemübungen des Yoga vor allem das Ziel, den Geist in einen Zustand der Ruhe und Konzentration zu bringen.

Das Tor zur Meditation

Wird der Atem ruhig, beruhigt sich der Geist. Die Ausrichtung des Geistes öffnet das Tor zur Meditation. Der dritte zentrale Übungsbereich des Yoga ist die Meditation. Grundlage jeder Meditationserfahrung ist ein aktiver, ausgerichteter Geist. Die Bedeutung von Meditation im Yoga umfasst drei wesentliche Bereiche: Die erste Ebene betrifft eine positive Selbstregulation in Hinblick auf die Gesundheit. Forschungsergebnisse aus der Neurowissenschaft belegen die positive Wirkung der Meditation in Hinsicht auf die vegetative Ebene – dies meint vor allem den Einfluss auf die sogenannte „Stressachse“. Eine Daueraktivierung der Stressachse hat mit vielen Erkrankungen (bspw. des Herzkreislaufsystems), mit einer Behinderung von Genesungsprozessen und einer Schwächung des Immunsystems zu tun. Meditation kann in diesem Sinne auch als „Selbstregulierungstechnik“ aufgefasst werden. Die zweite Ebene betrifft die Psyche und eng verbunden damit die Selbstwirksamkeitserfahrung. Meditation ist eine bewusst herbeigeführte Situation, in der wir selbst zum Gegenstand unseres Übens werden. Wir können die Erfahrung machen, dass wir unsere Befindlichkeit positiv beeinflussen (Stichwort: „emotional aufladbar“) und so zur Selbstheilung beitragen können. Häufig suchen Menschen in der Meditation vor allem einen Moment innerer Ruhe, Abstand und das Gefühl, auf gute Weise mit sich selbst verbunden zu sein. Wer meditiert, ist nicht passiv, sondern richtet sich auf eine ganz besondere Art und Weise auf etwas aus und verbindet sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit damit.

Die Quelle - das Yogasūtra von Patañjali 

Das Yogasūtra („Der Leitfaden des Yoga“) (https://de.wikipedia.org/wiki/Yogasutra), welches nach langer mündlicher Überlieferung vor etwa 2000 Jahren von Patañjali niedergeschrieben wurde, ist ein zentraler Ursprungstext des Yoga. Das Yogasūtra besteht aus 195 Sanskrit-Versen in vier Kapiteln, in denen in hochkonzentrierter Form die Essenz des Yogaweges gebündelt ist. Es ist eine der ältesten Überlieferungen der Yogatradition. Die Methode, die in diesem Werk am ausführlichsten und differenziertesten behandelt wird, ist die Meditation. Meditation wird im Yogasūtra nicht über fixierte Abläufe und festgelegte Inhalte definiert. Nicht die Suche nach dem „Absoluten“, dem „All-Eins“, der „Vereinigung mit Gott“ oder „der absoluten Leere“ steht im Mittelpunkt. Vielmehr gilt dem Yoga des Patañjali die Meditation als ein Mittel (unter anderen), das den Geist klärt, unsere Gedanken zur Stille führt, und das uns die Welt und uns selbst besser verstehen lässt. Dabei weist das Yogasūtra darauf hin, dass Meditation allein noch keine „guten Menschen“ aus uns macht oder unsere persönlichen Probleme sich damit in Nichts auflösen ließen. Wie immer die persönliche Weltsicht oder religiöse Orientierung sein mag, Meditation wird im Yoga als Weg verstanden, der unsere Orientierung für eine Zeit von außen nach innen kehrt.

Quellen:
Warum Yoga, Über Praxis, Konzepte und Hintergründe – Imogen, Dalmann, Martin, Soder
Über Freiheit und Meditation Das Yoga Sūtra des Patañjali – T.K.V. Desikachar
https://de.wikipedia.org/wiki/Yogasutra

  1. a.a.O. Seite 46 []
  2. a.a.O. Seite 44 []
  3. T.K.V. Desikachar, Übertragung und Kommentar, Über Freiheit und Meditation Das Yoga Sūtra des Patañjali Eine Einführung, Verlag Via Nova, 6. Auflage, 2014, Seite 92 []

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